Vom Wert der Emotionen

 


Angst, Trauer, Wut? Wer will das schon! - Emotionen künden von Bedürfnissen. Sie können uns als Kompass dienen, um uns in der Welt und in zwischenmenschlichen Beziehungen zurechtzufinden. Sie helfen uns Gefahren zu erkennen und führen uns zu uns selbst. Von Lieselotte Diem

Gefühle werden als bestimmter Körperzustand wahrgenommen, verbunden mit einer dazugehörigen geistigen Verfassung. Beispielsweise in einer Stimmung freudig-aufgeregter Erwartung spiegelt sich in unserem Körper ein Ausdruck von gespannter, aufrechter Haltung wider, auch unsere Gestik und Mimik drückt Freude aus, vielleicht lächeln wir sogar. Unsere Aufmerksamkeit hüpft rascher von einer Assoziation zur anderen - gleichzeitig kreisen die Gedanken hoffnungsvoll um das in Aussicht stehende frohe Ereignis.
Wenn wir es mit einem Gefühl der Trauer zu tun haben, wird unsere Haltung schlaff, die Schultern hängen herab, ein allgemeines Unwohlsein erfasst den Körper. Verbunden mit diesem Zustand werden wir auch grüblerische Gedanken haben oder es können Verlassenheitsängste auftauchen. Wir erleben unsere Atmung als schwer und gestaut, Brustkorb und Kehle ziehen sich zusammen, wir fühlen uns beklemmt.
"Lust und Schmerz sind ein Teil der Wahrnehmungen in Körper und Geist, die wir Gefühl nennen", so die Neurobiologen. Der Autor Antonio Damasio unterscheidet zwischen Emotion und Gefühl, doch ich benutze sie hier umgangssprachlich mit gleicher Bedeutung.
Körperpsychotherapie setzt mit Zeit und Geduld bei dem Gefühl der Trauer und der Beklemmung an. Wir laden unsere KlientenInnen ein, tief zu atmen, bearbeiten die dazugehörigen Muskelgruppen, so dass das Weinen auf natürliche Weise geschehen kann. Im selben Prozess bietet der oder die Klientin dem Therapeuten eine Palette von Gründen der Trauer an. Manchmal ist es auch nur ein Ereignis, was die Trauer auslöst. Manchmal wissen wir gar nicht, was eigentlich los ist. Durch das Weinen beginnt die Energie wieder zu fließen. Durch die Auseinandersetzung mit den Themen der Trauer hilft der Therapeut bei der Verarbeitung. In der geborgenen Atmosphäre des geschützten Raums kann Vertrauen wachsen. Der oder die Klientin fühlt sich unterstützt, erleichtert und kann durch diesen Prozess seine oder ihre Handlungsfähigkeit wieder zurückgewinnen. Ohne zu weinen verwandelt sich die Trauer in ein Kontinuum depressiver Verstimmungen. Dadurch haben wir keine Chance, uns mit den Konflikten auseinander zu setzen, die die empfundene Trauer ans Tageslicht bringt. Es geschieht keine Veränderung.
Den Energiefluss herzustellen bedeutet, verschüttete Gefühle wieder hervorzuholen, die im Körper durch muskuläre Verspannungen gehalten und im Geist durch Glaubenssätze untermauert werden. Doch häufig passiert auch genau das Gegenteil: Wir werden von Gefühlen geradezu überflutet.
Der analytische Prozess greift tief und beleuchtet den Ursprung der Trauer. Oft belasten diese ursprünglichen Emotionen die Gegenwart in hohem Maße, was unsere Lebensqualität stark einschränkt. Die meisten von uns, schleppen über Jahrzehnte unterdrückte Gefühle mit sich herum. Das gilt nicht nur für ungeliebte Emotionen wie Wut oder Trauer. Das gilt auch für Freude, Lust und Ausgelassenheit.
Sich lustvoll der Liebe und der Sexualität in einer dauerhaften Liebesbeziehung hinzugeben, stellt uns ebenfalls vor große Herausforderungen. Die einfache Freude, sich selbst und seinen geliebten Partner zu genießen, setzt ein energetisches Fließen in Körper, Geist und Seele voraus. Die Auseinandersetzung mit Gefühlen ist die beste "Beziehungsschule". Sie hilft Paaren nicht in der Sprachlosigkeit oder einer "Komfortzone" stecken zu bleiben (David Schnarch, 2009).
So erleben wir Sexualität in versteckten Winkeln mit dem Schleier des Tabus behaftet. Wir können uns selten ganz entladen. Bei einigen Menschen steigern sich sexuelle Wünsche auf diese Art zu gefährlichen Begierden, so dass sie dämonische Kräfte geradezu anziehen. Bei anderen versiegen die erotischen Wünsche komplett.
Wir lernen schon früh unsere Gefühle zu verstecken. Wir kennen alle das Pokerface oder das Keep-smiling. Das kann sich bis zu einer Affektsperre ausprägen.
Die Scham, die wir beispielsweise empfinden, wenn wir Gefühle wie Zuneigung oder Verliebtheit spüren und unsicher sind, ob unser Gegenüber ähnlich empfindet, kennt jeder. Niemand will sich die Blöße geben eventuell zurückgewiesen zu werden. Um Gefühle von Zurückweisung, Ablehnung, überhaupt Verletzungen in der Kindheit zu überleben, hat der Mensch die Möglichkeit sich zu schützen. Er zieht sich in sein Inneres zurück, verflacht oder blockiert die Atmung. Wenn sich solche negativen Erlebnisse oft wiederholen, dann hat sich die Blockade chronisch in Leib und Seele verfestigt. Wir haben längst vergessen, worum es überhaupt ging. Die Neurobiologen sprechen von den ausgefahrenen Autobahnen (Wiederholungszwang), in die wir ungewollt immer wieder rutschen.
Viele Klienten staunen im Therapieprozess wie verwoben ihr Jetzt mit der Konditionierung von Eltern und Schule verbunden war. Die meisten Menschen können ihr ursprüngliches Potenzial gar nicht nutzen. Die Wahrnehmung einer Emotion ist die Voraussetzung, dass Gefühle überhaupt entstehen. Es gibt Menschen, die bemerken an sich und anderen keine sensiblen Empfindungen.

Durch die Fähigkeit, Gefühle auszudrücken, bekommen wir überhaupt erst mit, was unsere Bedürfnisse sind.

Geglückte Therapie bedeutet andere Auswege aus dem damaligen Dilemma zu finden, neue Nebenwege zu bauen und damit unser Wachstum zu ermöglichen. Körpertherapeutisch gesprochen heißt das, um wirklich tiefe Freude oder eine sexuell-befriedigende Liebesbeziehung zu leben, sollten wir uns auch unangenehmen Gefühlen stellen. Sich mit unseren Schattenseiten auseinander zu setzen, bedeutet gesünder, vitaler, durchlässiger oder stabiler zu werden. Wenn alte Konflikte durchgearbeitet sind, entstehen lustvolle Strömungen, was als Freude und Dankbarkeit dem Leben gegenüber empfunden wird. Die Vertiefung der Liebesfähigkeit ist eine der wichtigsten Auswirkungen einer erfolgreichen Therapie.

Die Autorin Lieselotte Diem ist Körperpsychotherapeutin, Charakteranalytische Vegetotherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in eigener Praxis - Einzelarbeit, Paartherapie und laufende Gruppe (Einstieg möglich), Meßmerstr. 7 a in 12277 Berlin, Tel: 030. 24 32 42 37, Handy 0178. 979 50 65, www.vegetotherapie-berlin.de